Zitat des Tages:

„Alle Tiere sind gleich,
aber manche sind gleicher.“
(George Orwell, Farm der Tiere)

Seit heute bin ich, mit jedem Tag, der noch kommt, länger Bundesbürger als ich DDR-Bürger war. Das ist eigentlich nicht weiter denkwürdig, aber ich bin erschrocken, wie schnell die Zeit vergangen ist.

Heute vor zwanzig Jahren habe ich gedacht, wie es wohl sein wird, wenn sich der Tag der Wiedervereinigung zum ersten, fünften oder zehnten Mal jährt. Ich hatte tatsächlich angenommen, dass es spätestens nach zehn Jahren keine Rolle mehr spielt, ob man aus dem Osten oder Westen Deutschlands kommt. Aber offensichtlich ist das Problem auch nach zwanzig Jahren noch nicht gelöst und die so häufig erwähnte „Mauer im Kopf“ immer noch nicht gefallen – auf beiden Seiten. Dort leben wohl noch immer die „Besser-Wessis“ hier die „Jammer-Ossis“.

Zwei Drittel der Ostdeutschen fühlen sich als Bürger zweiter Klasse, wie der Soziologe Raj Kollmorgen in der Monitor-Sendung vom 30.9.2010 feststellt: „Die Lage der Ostdeutschen ist durchaus vergleichbar mit der von Frauen: Alle Rechte, alle Pflichten, aber längst nicht alle Möglichkeiten.“ Was die Aufstiegschancen anginge, seien die Ostdeutschen „Bürger zweiter Klasse“. 90 Prozent der Spitzenpositionen in ganz Deutschland sind von Westdeutschen besetzt, in den neuen Bundesländern allein betrachtet sind es etwa 70 Prozent! In der oben genannten Sendung werden zahlreiche Beispiele genannt, die das Problem konkretisieren: So wird kein einziges DAX-Unternehmen von einem Ostdeutschen geführt, von 88 Hochschulrektoren in ganz Deutschland sind nur drei aus dem Osten, keine Rundfunkanstalt – auch nicht in den neuen Bundesländern – hat einen ostdeutschen Intendanten.

Sind die „Ossis“ zu dumm, um diese Positionen bekleiden zu können, haben sie zu wenig Erfahrung? Auch darauf gibt Kollmorgen Auskunft: Mit dem Zusammenbruch der DDR seien die alten Eliten komplett ausgetauscht und durch Personen aus dem Westen ersetzt worden. Somit konnten die Ostdeutschen keine neuen Netzwerk der Macht generieren und würden auf lange Sicht auch künftig außen vor bleiben, da etablierte Eliten sich meist nur aus sich selbst heraus reproduzieren würden.

In meinem Stadtbezirk, der nahezu vollständig in „Wessihand“ ist, hing an einem Stromkasten bis vor kurzem ein Plakat von „Ultra-Ossis“ mit dem Slogan „Wir sind ein Volk! Und Ihr seid ein anderes“. Als ich den Spruch das erste Mal las, musste ich feixen, beim zweiten Hinsehen entpuppten sich die Worte aber als fast schon rassistisch. Dennoch scheint auch hier ganz offensichtlich ein Körnchen Wahrheit versteckt zu sein, über das man täglich stolpern kann.

Im Zusammenhang mit den zahllosen Dokumentationen und Rückblicken zum Tag der Deutschen Einheit hörte ich die These, dass es noch mindestens zwei Generationen braucht, bis sich „Ossis“ und Wessis“ endgültig aneinander gewöhnt haben. Hoffentlich halte ich bis dahin durch, denn das würde ich gerne noch erleben.